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Orgelpredigt

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a Gehe, Heinrich Christian: Predigt bey Einweyhung der Orgel (s.l. 1795)

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e Geographica (4)

y Bibelstellen (6)

  • Epheser 5,19–20
  • Jakobus 5,13
  • Kolosser 3,16
  • Matthäus 7,15–23
  • Psalmen 147,1
  • Psalmen 150,1–3.5–6

[S. [1]]

Titel

Predigt
bey
Einweyhung der Ld OrgelGröba, Johann Georg Friedlieb Zöllner-Orgel (1795) Orgel
in der Le Geographicumg Gebäude: Gröba, Kirche Kirche zu Le Geographicumf Ort: Gröba Gröba
am
achten Sonntage nach Trinitatis
über
das ordentliche Evangelium
gehalten
von
M. Lc PredigtautorGehe, Heinrich Christian (1752–1807) Heinrich Christian Gehe,
Pfarrern und Superint[endenden] zu Le Geographicumf Ort: Oschatz Oschatz.
1795.

[S. [2]] [vakat]

[S. [3]]

Widmung

Dem
Hochwohlgebohrnen Herrn
Lb PersonWacker, Johann Carl Benedict von (ca. 1738 – 1813) Johann Carl Benedict
von Wacker
,
Erb= Lehn= und Gerichts=Herrn auf Gröba,
meinem gnädigen und höchstzuverehrenden
Herrn.

[S. [4]] [vakat]

[S. [5]]

Hochwohlgebohrner Herr, Gnädiger Herr!

Nicht auf eigenen Antrieb, sondern auf die sehr wohlwollende Veranlassung des Hochgeb[orenen] Herrn Reichsgr[afen] v[on] R.,[1] der ein wahrer Freund von Ew[er] Hochwohlgebohren, und mein verehrungswürdiger Gönner ist, habe ich diese Predigt, die ich in Dero Gegenwart, in der Kirche zu Gröba, bey der von Jhnen selbst mir gegebenen Gelegenheit gehalten, dem Druck überlassen, und dabey geglaubt, daß ich sie keinem mit mehr Gründen der Wahrheit als Jhnen, Gnädiger Herr, ehrerbietig überreichen könnte. Sie sind, erlauben Sie mir, daß ich Ihnen dieß öffentlich nach der innern Empfindung meines Herzens sagen darf, Sie sind ein aufrichtiger und ächter Verehrer der Re= [S. [6]] ligion, und finden in dem thätigen Bekenntnisse derselben Jhre Freude, Jhre Ruhe und Glückseligkeit. Und wie viel Gutes wirken Sie nicht im Stillen! Wie verwandeln Sie nicht die Thränen kummervoller Wittwen und Waysen, durch christliches Wohlthun in Thränen der Freude und des Dankes! Wie beglücken Sie nicht Dero Zeitgenossen, besonders Dero Unterthanen nach dem Vermögen, das Gott darreicht, durch allerley nützliche und wohlthätige Anstalten! Ja das alles ist Jhre Wonne, Jhr edelstes Vergnügen.

Hierzu kommt, daß Ew[er] Hochwohlgebohren mir seit der Zeit, da ich die Ehre habe, Dieselben persönlich zu kennen, schon so viele [S. [7]] Beweise Dero gnädigen Wohlwollens ertheilet haben, daß ich sehr unempfindlich seyn müßte, wenn ich nicht den ungemeinen Werth desselben nach der Wahrheit schätzen, und meine gerührte Hochachtung und innige Verehrung Jhnen auch öffentlich dafür zu Tage legen wollte.

Empfangen Sie denn, Gnädiger Herr, dieß schuldige Opfer der Dankbarkeit und der Hochachtung, das ich Ihnen nicht allein in diesen wenigen Zeilen darbringe, sondern auch durch Weyhung aufrichtiger Wünsche zu Gott, den Urheber und Beglücker unsers Lebens, für Dero und Dero verehrungswürdigen Lb PersonPfeiffer, Marie Elisabeth (1748–1828) Frau Gemahlin[2] theures Leben und stetes Wohlergehen stets darzubringen bereit bin, em= [S. [8]] pfangen Sie es mit der Huld und dem freundschaftlichen Wohlwollen, welches ich an Jhnen stets und aufrichtig zu verehren nie unterlassen werde.

Mit vollkommenster Ehrerbietung verharre ich

Ew[er] Hochwohlgeb[ohren]

Oschatz, den 31. Julius 1795.

ganz gehorsamster M. Heinrich Christian Gehe.

[S. [9]]

Vor dir, o Gott, haben wir uns jetzt mit vereinigter Andacht versammelt, um dich, das beste, das ehrwürdigste Wesen, dich, unsern himmlischen Vater, gemeinschaftlich anzubeten; deine unaussprechliche Größe zu bewundern, uns deiner Wohlthaten herzinnig zu erfreuen, dir dafür den demüthigsten Dank zu sagen, und uns deinen Segen, und deine Hülfe zur freudigen Uebung der Tugend zu erflehen. Ja, groß bist du, und deine Majestät ist unaussprechlich. Himmel und Erde, deren weiser, allmächtiger und allgütiger Urheber du bist, mögen dich nicht fassen, und Himmel und Erde, und alle ihre unzählbaren Bewohner, vereinigen sich, gerührt von deiner anbetungswürdigen Größe, zu deiner Verehrung, Anbetung, Bewunderung und Lobe. O daß auch wir an diesem harmonischen Lobe deiner dich preisenden Geschöpfe den innigsten, den gerührtesten Antheil nehmen wollen! Daß doch auch unser Herz deines Preißes voll wäre! Daß doch auch unser Mund überströmte ob deiner Güte! Auch an diesem Le Geographicumf Ort: Gröba Orte offenbarest du, in tausend [S. 10] sichtbaren und rührenden Beweisen, deine große Macht und Herrlichkeit, deine Weisheit, Güte und Vorsehung über unsere unsterblichen Seelen, durch Mittheilung der erwünschtesten Güter. Heilsame und gründliche Erkenntniß, die wir von dir und deinem Willen aus den Belehrungen deines Sohnes hier einsammeln, ruhige, dadurch gewirkte Ueberzeugung von den väterlichen Gesinnungen, die du durch Jesum Christum gegen uns gefaßt hast, kraftvolle und rührende Erweckungen zur dankbaren, ehrerbietigen Liebe gegen dich, zur Besserung unserer Herzen, unsers Sinnes und Wandels durch die Kraft deiner Wahrheit, und tröstliche, aufheiternde Aussichten in eine beßre, glückselige Zukunft, o wie theuer sind diese Güter unsrer Seele! Und wie reichlich begnadigest du uns mit diesen Gütern! Darüber freuet sich unser Geist vor dir, und unser Herz ist fröhlich. Unsere Zunge ist voll deines Lobes! Halleluja! Amen.

Ly BibelstellePsalmen 147,1 Lobet den Herrn! denn unsern Gott loben, das ist ein köstlich Ding; solch Lob ist lieblich und schön. Jn diesen Worten, die wir in dem ersten Vers des 147sten Psalms aufgezeichnet finden, erwecket der heilige Lb PersonDavid (fl. 1000 v. Chr.) Sänger seine Zeitgenossen zur andachtsvollen Bewunderung und Preiße des Allerhöchsten, und gebrauchet dabey einen Grund, der ungemein viel Reizendes und Rührendes hat. Lobpreiset den [S. 11] Herrn! Erkennet seine große Majestät! Rühmet seine erhabenen Eigenschaften, seine göttlichen Werke, und seine Wohlthaten! Ly BibelstellePsalmen 147,1 Denn unsern Gott loben, das ist ein köstlich Ding; solch Lob das auf Wahrheit und richtiger Empfindung beruhet, das ist lieblich und schön[3]; das ist ruhmwürdig und anmuthig. Eine Behauptung, m[eine] christl[ichen] Freunde und Zuhörer, die sich auf die lauterste Wahrheit gründet. Denn was können wir uns wohl größeres und annehmlicheres denken, als wenn wir geleitet von richtigen Erkenntnissen, Gottes, des großen Urhebers unsers Wesens, unendliche Majestät und Größe bewundern, seine großen Werke und Wohlthaten ehrerbietig bemerken, und andachtsvoll beherzigen, und uns dadurch zu dem innigsten Lobe, zur ungeheucheltsten Verehrung und Anbetung, zum feurigsten Dank, zur zärtlichesten Liebe, zum kindlichsten Vertrauen gegen ihn erwecken und gleichsam entflammen? Was giebt unserm nachdenkenden Geiste mehr kraftvolle Beschäftigung, Nahrung und Stärke, und unserm Herzen mehr Wollust, Annehmlichkeit und Freude, als dieses Lob Gottes? Diesen also mit wahrer Empfindung eines erleuchteten und tugendhaften Herzens lobpreisen, das ist eine köstliche Sache; ein solches Lob ist lieblich und schön!

Jst dieses gewiß, M[eine] Fr[eunde] und Zuhörer; so verdienen auch alle die zweckmäßigen Veranstaltungen, die uns zum gemeinschaftlichen Lobe Gottes erwecken, unsere ganze Hochachtung und Werthschätzung. Und es ist [S. 12] unsere Pflicht, daß wir von ihnen den würdigsten Gebrauch machen. Denn sie sind, und sollen nach der Absicht, die man bey ihrer Einrichtung vor Augen hatte, geschickte, kraftvolle Hülfsmittel seyn, unsere innere Gottesverehrung und unsere Lobpreisungen Gottes zu befördern, unsere Erkenntnisse von der Religion und ihren ehrwürdigen Wahrheiten zu berichtigen, unsere Ueberzeugungen von ihrer Göttlichkeit und Wahrheit zu befestigen, und ihnen Kraft und Leben zu ertheilen, unserm Herzen die Gesinnungen und Empfindungen der dankbaren Liebe, des Vertrauens und des Gehorsams gegen Gott einzuflößen, und sie demselben recht eindrücklich, wichtig und ehrwürdig zu machen. - Und sollten dahin nicht ganz vorzüglich die gottesdienstlichen Gesänge gehören, die wir, so oft wir uns hier versammlen, zum Lobe der wohlthätigen Gottheit absingen? Gewiß, sie haben einen großen Werth, wenn sie absichtlich eingerichtet sind, und wenn wir einen würdigen Gebrauch davon machen. Und davon werde ich heute, bey der feyerlichen Gelegenheit, die mir gegeben worden ist, unter dem Beystande Gottes, mit euch reden. Möchte doch unsere vorhabende Betrachtung einen gesegneten Eindruck auf uns machen! Wir rufen Gott darum an in einem gläubigen und stillen Gebet etc.

Text: Ly BibelstelleMatthäus 7,15–23 Matth. 7, 15 - 23.

Nur diejenigen also, M[eine] Chr[istlichen] Fr[eunde] sind würdige Bürger des himmlischen Reiches, oder würdige Mitglieder der christlichen Kirche, nur diejenigen dürfen auf [S. 13] den herrlichen Lohn, den Jesus seinen Bekennern gewähret, rechnen, welche den Willen des himmlischen Vaters vollbringen, oder die Vorschriften des Christenthums freudig beobachten. Welch eine wichtige Wahrheit, meine Zuhörer! eine Lehre, die das Wesentliche der Religion ausmacht, und die nie genug beherziget werden kann, zu welcher wir aber auch in diesem Versammlungshause der Christen, oft und nachdrucksvoll erweckt und ermuntert werden. Dieß geschiehet nun nicht allein in den erbaulichen Lehrvorträgen, welche an Sonn= und Festtagen, aus dem Evangelio unsers Herrn J[esus] C[hristus] hier vorgetragen werden, sondern auch in den gottesdienstlichen Gesängen, welche wir hier so oft, zum Lobe und Preiße Gottes und unsers Erlösers anstimmen. Da drücken wir uns durch melodischen Gesang die große Wahrheit tief ein: Wer Gott gefallen will, der muß ein tugendhaftes Leben führen, oder der muß Gottes Willen thun. Da rufen wir Gott selbst um seinen Beystand an, daß er unsere Entschlüße, den Geboten des Christenthums getreu zu werden, kräftig unterstützen und segnen, daß er alle die Hindernisse, die sich diesem Vorsatze entgegen setzen, aufheben und vermindern wolle. Also schon in dieser Absicht haben gottesdienstliche Gesänge einen großen Werth. Aber gewiß auch in andern Beziehungen, die wir jetzt in einer kurzen Betrachtung zusammenfassen, wenn ich euch

Den großen Werth gottesdienstlicher Gesänge zu bedenken gebe

[S. 14]

Lasset mich erstlich

einige Beweise für diese meine Behauptung beybringen, und dann

euch auf den würdigen Gebrauch dieser heiligen Gesänge mit wenigen aufmerksam machen.

Es ist wohl nicht nöthig, M[eine] Th[euren] Fr[eunde] daß ich erst weitläuftig erkläre, was wir unter gottesdienstlichen Gesängen zu verstehen haben. Sollten wir uns darunter nicht solche Gesänge vorstellen, die wir, so wohl bey unsern besondern, als öffentlichen und gemeinschaftlichen Gottesverehrungen, in der Absicht gebrauchen, um uns dadurch zur gemeinschaftlichen Anbetung und Lobe Gottes, zu den ihm schuldigen Dank für seine Wohlthaten, zum Vertrauen, zur Liebe und Gehorsam gegen ihn und seine Gebote zu erwecken, aber auch alle die Güter und Wohlthaten, welche uns zur Führung eines ächt christlichen und zufriedenen Lebens so heilsam als nothwendig sind, im Gebet und harmonischen Melodien, von Gott zu erflehen?

Diese gottesdienstlichen Gesänge haben nun wenn sie zweckmäßig eingerichtet sind, das heißt, wenn sie reine, von menschlichen Zusätzen und Vorstellungen geläuterte, evangelische Wahrheit, auf eine deutliche, leicht zu verstehende, kräftige und rührende Art, durch gründliche Belehrung und Erweckung, dem Herzen nahe bringen, und es mit Wärme und Liebe zur Tugend [S. 15] und Religion erfüllen, diese haben einen großen und entschiedenen Werth.

Denn einmal sind sie ganz unstreitig heilsame und stärkende Beförderungsmittel der wahren und geistvollen, christlichen Andacht, kräftige Hülfsmittel, uns durch ihre Belehrungen Gottes zu stärken, uns die erhabesten und süßesten Empfindungen der Anbetung und Bewunderung Gottes, der Liebe, des Dankes, des Vertrauens und des Gehorsams gegen ihn, die Empfindungen des christlichen Wohlwollens, der Gerechtigkeit und Wohlthätigkeit gegen die Menschen, unsere Brüder, einzuflößen, uns im Haße der Sünde und eines jeden Lasters, und in einem jeden tugendhaften Entschluße zu befestigen, uns auch bey dem Gefühle zeitlicher Leiden und geheimer Bekümmernisse kräftig zu trösten. So wie dieß allmemal der Hauptzweck unsrer gemeinschaftlichen Gottesverehrungen seyn muß, daß wir uns in der gläubigen Erkenntniß Gottes und Jesu, unsers Heylandes stärken, und uns dadurch zur wahren, innigen Verehrung seiner Gebote erwecken; so wie dieser Hauptzweck durch alle die Uebungen des Geistes, die hier vorgenommen werden, durch das gemeinschaftliche Gebet, durch die heiligen Belehrungen aus dem Evangelio Jesu Christi, durch die Feyer des heil[igen] Abendmahls, u[nd] [ s[o] w[eiter] an uns erreicht werden soll: so trägt ganz ungemein dazu bey, der harmonische Gesang geistvoller Lieder. Diese sind gleichsam der be= [S. 16] redte Redner, welcher die Lehren der Religion, ihre Wahrheiten, ihre Gebote, ihre Verheißungen und Drohungen, unserm Gemüthe, auf eine rührende und sinnlich schöne Art, wichtig, ehrwürdig und eindrücklich zu machen sucht. Da, wo sich alles vereiniget, unser Nachdenken und unsere Andacht zu entflammen, unsern Geist über das Sichtbare zu erheben, ihn mit himmlischen Gesinnungen zu erfüllen, und in jedem guten Vorsatze zu stärken, ich meyne die Annehmlichkeit und den Reiz der Dichtkunst, den eindringenden, und nachdrücklichen Vortrag der Lehre Gottes, die in christlichen Gesängen enthalten ist, ich meyne den süßen Wohlklang und die Harmonie musikalischer Töne, das Sanfte, Stille und Feyerliche der Andacht, die gleichsam aus einem Munde so vieler Anbeter Gottes strömet; da dringt ganz unleugbar jede gute Lehre, jede heilsame Erweckung, jede weise Warnung, jede religiöse Vorstellung, um desto leichter in das zur Andacht gestimmte Herz; sie prägen sich gleichsam dem Gedächtnisse tiefer und lebhafter ein; die Einbildungskraft wird mit angenehmen und rührenden Bildern beschäftiget; jede tugendhafte und fromme Empfindung des Herzens wird erweckt und erwärmt, und die Tröstungen der Religion, wie willkommen und theuer sind sie unserm bekümmerten Herzen, wenn wir sie in kräftigen Gesängen demselben nahe bringen! O gewiß, da wird unser Geist über alles Jrdische erhoben; unser Herz empfindet das göttlich Große und Schöne, das in der Lobpreisung [S. 17] Gottes liegt; es fühlt sich muthvoll gestärkt, zur Besiegung einer jeden Versuchung zur Sünde, gestärkt zur Uebung, auch der schweresten Tugend, ja es kommt gleichsam der Gesellschaft jener glückseligen Geister des Himmels näher, welche in der Anbetung Gottes ihren ewigen Ruhm finden, und fühlet schon in voraus das beruhigende und erhabene Glück, das wir dort in dem Harfenklange ewiger Lobgesänge Gottes, unsers Herrn und Vaters genießen sollen.

Nehmen wir nun noch, M[eine] Z[uhörer] hinzu, daß diese heiligen, gottesdienstlichen Gesänge, an einem so feyerlichen Orte, als unsere Tempel und Bethhäuser sind, von mehrern hundert Bekennern des Christenthums, mit gesammelter Andacht angestimmet werden; so leuchtet einem jeden nicht ganz Unbedachtsamen klar ein, daß dadurch der Eindruck und die Rührung in den menschlichen Gemüthern nicht wenig verstärkt werden muß. Hier preiset eine große versammelte Menge vernünftiger Wesen, ihren Gott und Vater, gleichsam mit einem Munde. Hier erweckt und verpflichtet sich ein Chor bewundernder Anbeter Gottes zu seiner innigen und dankbaren Verehrung, zur Uebung der ihm gefälligen Tugend, Menschenliebe, Wohlthätigkeit und Gerechtigkeit. Melodische Gesänge geben diesen Bekenntnissen des Christenthums, diesen Aufopferungen des menschlichen Herzens an Gott und seine Wahrheit, [S. 18] Kraft, Stärke und Leben, diesen heiligen Entschlüßen für die Tugend und Rechtschaffenheit neues Leben, Stärke, und beseligende Kraft. Und diese Kraft und diese Stärke sollte selbst das trägste Gemüth nicht empfinden? Es sollte dadurch gleichsam nicht aus seinem Schlafe erwachen? Es sollte nicht die heilsame Wirkung der im Gesang vorgetragenen Wahrheit empfinden? O gewiß, hier ist mir die von vielen tausend Gemüthern bewährte Erfahrung Bürge für das, was ich behaupte. Der melodische Gesang kraftvoller Lieder wirkt mit sinnlicher Stärke auch auf das leichtsinnigste, trägeste und gedankenloseste Herz. Er werweckt in so Manchem tausend gute Gedanken, Vorsätze, Empfindungen und Rührungen, die wohl in andern Umständen nicht erfolgt wären, und die, wenn sie gehörig unterhalten werden, Veranlassung zur Ausführung der edelsten Handlungen seyn können.

Aus diesen wichtigen Gründen hat man auch schon in den ältesten Zeiten der christlichen Kirche den Gesang heiliger Lieder für einen sehr wichtigen Theil gemeinschaftlicher Gottesverehrungen gehalten, und ihn zur christlichen Erweckung anzuwenden gewußt. Die Ermahnungen der Apostel unsers Herrn zeugen von der Richtigkeit dieser Bemerkung, M[eine Z[uhörer]. Redet unter einander,[4] sagt der heilige Lb PersonPaulus von Tarsus (10 v. Chr. – 60 n.Chr.) Paulus, unterhaltet eure gemeinschaftliche Andacht durch Psalmen, Lobge= [S. 19] sänge und geistvolle Lieder; singet und spielet dem Herrn mit Andacht, und saget Gott und dem Vater Dank für alles, und zu jeder Zeit, als ächte Jesus Bekenner, und nach seiner Vorschrift, Ly BibelstelleEpheser 5,19–20 Ephes. 5, 19. 20. und Ly BibelstelleKolosser 3,16 Colos. 3, 16. und Lb PersonJakobus ( – 44 (Sterbejahr)) Jacobus: Ly BibelstelleJakobus 5,13 Leidet jemand unter euch, der bete, ist jemand frohen Herzens, und guten Muths, der singe Psalmen. Jacob. 5, 13. Und daher kommt es denn auch, daß so wie zu aller Zeit, als insbesondere in neuern Zeiten, weise und religiöse Männer sich gleichsam dahin vereiniget haben, die Gaben, die ihnen die Vorsehung zur Dichtkunst verliehen, dazu anzuwenden, daß durch ihre frommen Gesänge derjenige Theil gemeinschaftlicher Gottesverehrungen, der in Gebet und Gesang bestehet, nicht wenig veredelt und verschönert würde. Wohl uns, wenn wir den Werth ihrer Bemühungen zu schätzen wissen, wenn wir davon zur Beförderung unsrer öffentlichen und besondern Andacht, den würdigsten Gebrauch machen. Und davon rede ich mit euch in dem zweyten Abschnitte meiner Betrachtung.

Nichts ist natürlicher, m[eine] v[erehrten] Z[uhörer], als daß wir erstlich nach den Belehrungen, welche ich euch jetzt über den Werth gottesdienstlicher Gesänge mitgetheilt habe, diese aus überzeugten Gründen recht innig hochschätzen, und sie so viel als möglich zu unsrer Erweckung anwen= [S. 20] den und gebrauchen; eben weil sie die kräftigsten Ermunterungen zum Lobe Gottes enthalten, und sie selbst die schönste Anleitung zur frommen Gebetsübung ertheilen. Freylich, wer noch der irrigen Meynung ist, daß die Anhörung einer Predigt die Hauptsache des öffentlichen Gottesdienstes ausmache, und daß man also nicht sonderlich nöthig habe, dem gemeinschaftlichen Gebete und Gesange beyzuwohnen, der wird beydes wenig oder gar nicht hochschätzen. Aber viel wird er auch von den Annehmlichkeiten entbehren, welche mit der gemeinschaftlichen Anbetung Gottes verbunden sind. Und so viel bleibt immer gewiß, daß das vereinigte Gebet und der gemeinschaftliche Gesang eben die Wichtigkeit und den Werth, und vielleicht einen noch größeren Nutzen für den gemeinern Christen hat, als der Canzelvortrag. Für diesen ist das Gesangbuch oft so viel als die Bibel selbst. Es ist gleichsam sein Catechismus und sein Gebetbuch. Daraus ist er gewohnt sich zu erbauen und zu beten. Und wohl ihm, wenn er es fleißig thut! Denn er findet darinne, nach seiner besten Ueberzeugung, den Kern der christlichen Lehre.

Wollen wir ferner von dem Gesange gottesdienstlicher Lieder den erzielten Nutzen haben, so müssen wir bey ihrer Anstimmung alle unsere Gedanken sammeln, und sie mit Verstand und Ueberlegung singen. Jch will sagen: wir müssen den Sinn und den Jnhalt der Worte, [S. 21] die wir singen, recht zu verstehen suchen, und ernstlich beherzigen. Thun wir das nicht, so ist unser Gesang ein leeres Geplerre der Lippen, und wir sind nicht fähig, diejenigen frommen Gesinnungen und Empfindungen in uns zu erwecken, welche doch ein jeder rechtschaffener Verehrer Gottes dadurch in sich zu erwecken bemühet ist. Ja wir verrichten einen geist= und gedankenlosen Gottesdienst, der Gott, dem Vater der Geister, und uns, den Bekennern einer geistvollen Religion, höchst unanständig ist.

Denn das ist eben die Hauptsache bey Anstimmung heiliger Gesänge, daß wir dadurch die innern Gesinnungen und Empfindungen unsers Herzens vor Gott ausdrücken, daß wir unser Nachdenken in dem Lobe des Höchsten üben, unsere herzliche Dankbarkeit für seine unschätzbaren Wohlthaten dadurch zu Tage legen, uns zur standhaften Uebung derselben feyerlich vor ihm erwecken, uns seiner gnädigen Regierung im Gebet empfehlen, und Hülfe und Beystand zur Uebung der ächt christlichen Tugend von ihm uns erflehen wollen. O, wie ist da nicht unser Geist und Herz mit allen seinen Empfindungen beschäftiget! Wie verliert es sich nicht da in entzückender Bewunderung der Größe Gottes und seiner Güte! Wie fühlet es nicht da Gottes Hoheit und Majestät, die Größe seiner Liebenswürdigkeit in Ertheilung unzähliger und ganz unverdienter Wohlthaten, und des Menschen Nie= [S. 22] drigkeit und Unwürdigkeit! Ach, da erhebet unser Geist, und nicht blos der Mund, den Herrn und seine Wohlthaten. Da erfreut sich das Herz, nicht blos der Körper und die Zunge, Gottes, seines Heilandes. Und da ist auch der Eindruck, den wir von jeder Wahrheit erhalten, lebendig und dauerhaft.

Zumal, wenn wir nun auch die Empfindungen der Religion und der Frömmigkeit, die wir durch andachtsvolle Anstimmung heiliger Gesänge in uns zu erwecken suchten, in unserm ganzen Verhalten gegen Gott und Menschen zu Tage legen, wenn wir Gott nicht allein mit unserm Munde und Lippen, nicht nur in den gottesdienstlichen Versammlungen, sondern vorzüglich durch die ungeheuchelte Aeußerung gottseliger Gesinnungen, der Liebe, des Vertrauens und des Gehorsams gegen Gott, durch die ununterbrochene Uebung einer weisen Menschenliebe, Gerechtigkeit und Billigkeit, der wahren Keuschheit und Enthaltsamkeit, der Gewissenhaftigkeit und Berufstreue, der Geduld und Ergebung in Gottes Willen, kurz mit unserm ganzen tugendhaften Wandel preisen. O, da wird ganz unleugbar die Anstimmung heiliger Gesänge für uns ein heilsamer und herzerfreuender Gottesdienst werden. Da werden wir die erwünschtesten Vortheile für unsern Geist und Herz zu genießen haben.

[S. 23]

Zur Werthschätzung gottesdienstlicher Gesänge finden wir uns nun an diesem Le Geographicumf Ort: Gröba Orte ganz besonders bewogen, m[eine] th[euren] Zuhörer, da wir in diesem Le Geographicumg Gebäude: Gröba, Kirche Hause des Herrn ein neues Ld OrgelGröba, Johann Georg Friedlieb Zöllner-Orgel (1795) Orgelwerk vor uns sehen, das durch seinen harmonischen Wohlklang unsere gemeinschaftliche Gottesverehrung nicht wenig verschönert. Jhr habt diese Zierde hiesiger Le Geographicumg Gebäude: Gröba, Kirche Kirche, wie ihr selbst bekennet, der großmüthigen Freygebigkeit eures adelichen Lb PersonWacker, Johann Carl Benedict von (ca. 1738 – 1813) Gerichtsherrn zu verdanken, eines Mannes, der sich aus Liebe zu diesem Le Geographicumg Gebäude: Gröba, Kirche Gottes=Hause ganz freywillig entschlossen hat, mit Aufwand ansehnlicher Kosten, die auf Anschaffung dieses Ld OrgelGröba, Johann Georg Friedlieb Zöllner-Orgel (1795) Werks haben verwendet werden müssen, eure gemeinschaftliche Andacht zu befördern. Diese unerwartete Wohlthätigkeit verehrt ihr gewiß mit der größten Dankbarkeit, Ehrfurcht und Liebe. Jhr seyd bereit, diesen euren Lb PersonWacker, Johann Carl Benedict von (ca. 1738 – 1813) Wohlthäter dafür zu segnen, deso inbrünstiger für sein theures Leben zu Gott zu flehen, und desto williger ihm, als eurer Herrschaft, in allen billigen Dingen Folge zu leisten. Aber ihr seyd auch bereit, mit Hülfe dieses neuen Ld OrgelGröba, Johann Georg Friedlieb Zöllner-Orgel (1795) Orgelwerks, so oft ihr euch hier zur öffentlichen Gottesverehrung versammelt, immer glücklicher die Absicht zu erreichen, welche euer Wohlthäter dabey vor Augen gehabt hat, ich meyne die Beförderung eurer Andacht durch den harmonischen Einklang der Orgel bey euern Gesängen, und eben dadurch auch die Beförderung eurer geistlichen Freude und des Wohles eurer unsterblichen Seele.

[S. 24]

Nun so segne denn Gott, der Vater aller Freude, diese eure rühmliche Absicht! Er eröffne euch durch die fromme Anstimmung christlicher Gesänge, in Verbindung der süßen Harmonien dieser Orgel, tausend Quellen der Freude, und der Nahrung eures Geistes und Herzens für Weisheit und Tugend. Ja das Werk eurer Hände, das er unter euch gefördert hat, das wolle er, so wie dieses ganze Bethaus, vor aller Gefahr des Feuers und andern Schaden gnädig bewahren, und es bis auf die späteste Nachkommenschaft zu seiner Ehre und zum gottesdienstlichen Gebrauch, als ein Denkmal seiner gütigen Aufsicht, unversehrt erhalten.

Und dieser allgütige und weise Regierer menschlicher Schicksale, segne denn auch unsern theuersten Lb PersonFriedrich August III. von Sachsen (1750–1827) Churfürsten und sein ganzes hohes Churfürstliches Haus! Er segne alle hohe Beamte des Staats, besonders den hochpreißlichen Kirchenrath und Oberconsistorium zu Le Geographicumf Ort: Dresden Dreßden, unter dessen huldreicher Genehmigung dieses neue Orgelwerk veranstaltet und vollendet worden ist. Er beglücke aber auch die hiesige adeliche Gerichtsherrschaft für Dero Gutmeynen mit dieser Kirche, mit seinen besten Segnungen! mit blühender Gesundheit, mit Reichthum und Ehre, mit allen Arten des geistlichen und leiblichen Wohlstandes, und lasse Jhnen selbst die Freuden der Andacht und der Religion, die durch fromme Gesänge, vermit= [S. 25] telst dieser Orgel, in der Seele eines jeden gläubigen Verehrers Gottes erweckt werden, diese lasse er Jhnen in dem reichsten Maaße zufallen! Ja, er erhalte Sie bis in Jhr spätestes Alter! Freude, Glück und Wohlergehn sey aber auch das Theil aller verehrlichen und werthgeschätzten Eingepfarrten! Auch Sie müssen hier in unsern gottesdienstlichen Versammlungen, bey Anstimung christlicher Lobgesänge, unter den Harmonien der Orgel, reichliche Veranlassung bekommen, ihr Herz andachtsvoll zu Gott zu erheben, sich seiner Wohlthaten innig zu erfreuen, und alle die Segnungen von ihm zu erflehen, welche das wahre Glück des Menschen und des Christen ausmachen! ja, Gott segne nach dem Reichthum seiner Gnade auch den würdigen Lehrer der Religion an dieser Gemeinde, meinen geliebtesten und theuersten Herrn Lb PersonLehmann, Johann Immanuel (1744–1806) Amtsbruder, mit seinen besten Gütern! Er gewähre Jhm noch lange die Freude, mit glücklichem Erfolg an Aufklärung, Besserung und ewiger Beglückung derselben zu arbeiten, und unterstützte Jhn in diesen seinen redlichen Bemühungen mit seiner allmächtigen Hülfe! Und dieß thue er denn auch reichlich an dem christlichen Lehrer hiesiger Schule! Die wohlthätige Absicht seiner pflichtmäßigen Bemühungen müsse nie verkannt werden, und das Bewußtseyn, viel Gutes im Stillen zu wirken, und verständige, treue, christliche und rechtschaffene Unterthanen zu bilden, und die Werthschätzung seiner Zeitgenossen müsse sein Lohn seyn! Heil und Frieden sey endlich über euch alle, die [S. 26] ihr hier versammlet seyd! Es segne euch Gott, unser Gott, und alle Welt ehre ihn! Ly BibelstellePsalmen 150,1–3.5–6 Lobet und preiset mit mir den Herrn in seinem Heiligthum! Preiset ihn ob seiner Werke! Lobet ihn in seiner großen Herrlichkeit! Lobet ihn mit Posaunenklang! Lobet ihn mit Psalmen und Harfen! Lobet ihn mit hellen Cymbeln! Verkündiget seinen Ruhm mit Saitenspiel! Alles, was Odem hat, lobe den Herrn! Halleluja![5] Amen.

Einzelanmerkungen

  1. Diese Person lässt sich bislang nicht identifizieren.
  2. Die Rolle Lb PersonPfeiffer, Marie Elisabeth (1748–1828) Marie Elisabeth Pfeiffers als Stifterin der Orgel wird in einer anderen Quelle sehr viel stärker hervorgehoben: Sie machte einen segensreichen Gebrauch von ihren Reichthümern. Außer vielen andern Geschenken verdankt ihr die Gemeinde Gröba eine neue Orgel und ein schönes Schulhaus, welches letztere allein ihr einen Kostenaufwand von 3000 Thalern verursachte. Auch die Zittauer Armenkasse verdankt ihr und ihrem ersten Gemahl Legate von 500 und 300 Thalern. (Korschelt, Geschichte von Olbersdorf bei Zittau (1864), S. 44.)
  3. Bei der Wiederholung seines Psalmzitats interpoliert Gehe eine nähere Bestimmung eines angemessenen Gotteslobes.
  4. Der Satz paraphrasiert Formulierungen aus den genannten Bibelstellen, Ly BibelstelleEpheser 5,19–20 Eph 5,19-20 und Ly BibelstelleKolosser 3,16 Kol 3,16..
  5. Gehe gibt die Psalmverse mit verschiedenen Kürzungen wieder, gleichzeitig ergänzt er mit eigenen Formulierungen.

Letzte Änderung dieses Dokuments am 23. Januar 2023.

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