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Orgelpredigt

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a Gaum, Johann Ferdinand: Gast-Predigt (Ulm 1781)

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m Ereignisse (1)

y Bibelstellen (21)

  • 1 Korinther 2,11
  • 1 Petrus 1,3–4
  • 2 Korinther 1,3
  • Apostelgeschichte 17,27–28
  • Epheser 5,19
  • Genesis 12,1
  • Hebräer 12,22–23
  • Ijob 12,7
  • Johannes 17,3
  • Kohelet 2,2
  • Psalmen 100
  • Psalmen 100,1
  • Psalmen 115,1
  • Psalmen 119,64
  • Psalmen 122,7
  • Psalmen 150,6
  • Psalmen 19,1
  • Psalmen 92,1–5
  • Psalmen 92,2
  • Psalmen 92,3
  • Römer 1,20

[[S. 1]]

Titel

Gast=Predigt
am IV. Sonntag nach Epiph. 1781.
in der Le Geographicumg Gebäude: Ulm, Barfüßerkirche Barfüsser Kirche in Le Geographicumf Ort: Ulm Ulm
aus Gelegenheit
einer in diese Kirche
von
Herrn Lb PersonGaum, Johann Friedrich (1722–1814) Johann Friederich Gaum,
des Raths daselbst,
gestifteten Ld OrgelUlm, Barfüßerkirche, Schmahl-Orgel 1780 Orgel,
über Psalm 92, 1–5.

Mit angehängter Disposition des Orgelwerks.

Ulm, gedruckt bey Lb PersonWagner, Christian Ulrich (1722–1804) Christian Ulrich Wagner,
und zu haben
bey Lb PersonGroschopf, Johann Gottfried ( – nach 1780) Johann Gottfried Groschopf, Buchbinder, um 6 Kreuzer.

[[S. 2]]

Vorbemerkung

Weder der Lb PersonGaum, Johann Friedrich (1722–1814) Stifter der Orgel, noch der Lc PredigtautorGaum, Johann Ferdinand (1738–1814) Verfaßer der Predigt sind, aus guten Ursachen, je gemeynet gewesen, diese Predigt dem Druck zu überlassen. Sie hat das Tageslicht bloß dem Verlangen einiger Gönner und Freunde zu danken, denen man diese kleine Gefälligkeit nicht versagen wollte. Ohne Zweifel bleibt sie in denen Gränzen der Stadt, wo sie gehalten worden, und in diesem Falle darf sie sich diejenige gütige Nachsicht auch in der Folge versprechen, die sie bereits erfahren hat.

Lc PredigtautorGaum, Johann Ferdinand (1738–1814) M. J. F. G. P[rofessor] im K[loster] Le Geographicumf Ort: Blaubeuren B[laubeuren]

[[S. 3]]

Orgelpredigt

Die Gnade unsers Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes, und die Gemeinschaft des heiligen Geistes seye mit uns allen, Amen.

In Jesu Christo Geliebte, theureste Zuhörer. Ly BibelstellePsalmen 100 Jauchzet dem Herrn alle Welt, dienet dem Herrn mit Freuden, kommet vor sein Angesicht mit Frolocken. Erkennet, daß der Herr Gott ist: er hat uns gemacht, und nicht wir selbst, zu seinem Volk und zu Schaafen seiner Weide. Gehet zu seinen Thoren ein mit Danken, zu seinen Vorhöfen mit Loben: Danket ihm, lobet seinen Namen; denn der Herr ist freundlich, und seine Gnade währet ewig, und seine Wahrheit für und für. Mit dieser Aufforderung Lb PersonDavid (fl. 1000 v. Chr.) Davids zum Lob Gottes mache ich den Anfang meines Vortrags an dieser Le Geographicumg Gebäude: Ulm, Barfüßerkirche heiligen Städte, die ich betreten habe, um theils eine Betrachtung aus dem Wort Gottes mit dieser werthesten Gemeinde [S. 4] anzustellen: theils aus Gelegenheit dieser von einem Lb PersonGaum, Johann Friedrich (1722–1814) mir nahe verwandten Mitglied des hiesigen Hochedlen und Hochweisen Magistrats in dieses Le Geographicumg Gebäude: Ulm, Barfüßerkirche Gotteshaus gestifteten Orgel, mit Beyseitsetzung aller der Bescheidenheit des Stifters zu nahe tretenden Aeusserungen, dem Herrn, dem Einigen Geber aller guten und vollkommenen Gaben, ein Dankopfer zu bringen.

Ist das Lob Gottes das seelige Geschäft der Engel und vollendeten Gerechten im Himmel: ist es Pflicht für Christen, – und wehe uns, wenn wir alle es nicht für unsern höchsten Ruhm halten, Christen zu heißen und zu seyn – Noch mehr, ist es die angenehmste Pflicht der Menschen, auf Erden für alles Gott und dem Vater unsers Herrn Jesu Christi zu danken, so wird es der Absicht unserer gegenwärtigen Zusammenkunft gemäß seyn, wenn ich aus der hiezu erlesnen Stelle der heiligen Schrift meinen theuersten Zuhörern vorhalte

Eine Ermunterung zum unausgesetzten Lob Gottes, als der edelsten Beschäftigung unsterblicher Seelen.

Der Herr unser Gott seegne uns, und lasse sein Angesicht über uns leuchten, daß wir auf Erden erkennen seinen Weg, und unter allen Heiden sein Heil. Er wolle auch aus dieser Betrachtung seinem heiligen Namen Lob, und uns, seinem Volk, wahre Erbauung und Seegen zubereiten, um seiner Gnade und Wahrheit willen, Amen.

Text. Ps. 92, 1–5.

Ly BibelstellePsalmen 92,1–5 Ein Psalmlied auf den Sabbattag. Das ist ein köstlich Ding, dem Herrn danken, und lobsingen deinem Namen du Höchster, des Morgens deine [S. 5] Gnade und des Nachts deine Wahrheit verkündigen; auf den zehen Saiten und Psalter, mit Spielen auf der Harfen. Denn, Herr, du lässest mich frölich singen von deinen Werken, und ich rühme die Geschäfte deiner Hände.

Diese schönen Worte Davids veranlassen mich zu reden

Von der Ermunterung zum Lob Gottes, dieser edelsten Beschäftigung unsterblicher Seelen.

Wenn das Lob Gottes das ist, was Lb PersonDavid (fl. 1000 v. Chr.) David davon sagt, und wir werden es dem hierinn geübten und göttlich gesinnten König zutrauen, daß er die Wahrheit gesagt habe, da ja seine herrliche Gesänge aus der Fülle des Geistes Gottes geflossen sind, so ist es schon entschieden, daß es die edelste Beschäftigung unsterblicher Seelen sey. Ly BibelstellePsalmen 92,2 Es ist ein köstlich Ding, dem Herrn danken und lobsingen deinem Namen, du Höchster. Was ist edler und köstlicher, könnte man denken, als die Beschäftigung eines Königs, viele tausende zu beherrschen, und für ihre Wolfahrt zu sorgen? Und doch nennt es David, der gleichwohl in seiner Erhebung auf den königlichen Thron, von den Schaafhürden weg, eine so herrliche Probe des gnädigen Aufsehens Gottes über ihn zu verehren hatte, nirgends köstlich. Aber das Lob Gottes nennt er so, zum Beweiß, daß aller Glanz der königlichen Hoheit ihm nicht so viel werth gewesen sey, als das Geschäft, dem er so manche Stunden widmete, das Lob Gottes.

Die wahre Quelle, aus der das Lob Gottes entspringen muß, ist die Erkenntniß Gottes. David war hierinn wohl zu Hause, wie es auch nur die Worte des Textes beweisen, wenn wir jetzt andere Stellen in seinen Psalmen, deren unzähliche sind, vorbeygehen wollen. Er redet von den Werken [S. 6] von den Geschäften seiner Hände, von der Gnade und Wahrheit Gottes. Spuren, aus denen man sehen kann, wie er zur Erkenntniß Gottes gekommen ist, die ihn zum Lobe desselben so munter machte.

Der Herr, der Höchste, ist keinem sterblichen Auge sichtbar, und die Seeligkeit, ihn zu sehen, wie er ist, ist nur das Loos der Engel und der Verklärten im Himmel. Aber die Schrift sagt doch, daß man ihn sehen könne. Ly BibelstelleRömer 1,20 Gottes unsichtbares Wesen, das ist, seine ewige Kraft und Gottheit wird ersehen, so man des wahrnimmt an den Werken, nehmlich an der Schöpfung der Welt, Röm. 1, 20. Das ist die Erkenntniß Gottes aus der Natur, aus seinen Werken, aus den Geschäften seiner Hände.

Warum hat uns Gott Augen, Ohren, Vernunft und Sinne gegeben? Fürwahr zu ganz andern Endzwecken, als die meiste, die ihrem Schöpfer zur Schande leben, zu glauben scheinen. Zu dem Ende, Ly BibelstelleApostelgeschichte 17,27–28 daß wir ihn suchen sollen, ob wir ihn fühlen und finden möchten: und er ist ja nicht ferne von einem jeglichen unter uns, denn in ihm leben, weben und sind wir,[1] Apg. 17, 27. 28. Seine Vollkommenheiten, seine Allmacht, Weisheit und Güte, liegen in seinen Werken, in dem wundervollen Bau der Welt, in so vielen und unzählichen Wohlthaten, in seiner Regierung etc. so vor unsern Augen, daß wir blind seyn müßten, wenn wir hieraus Gott nicht erkennen, auf seine Größe nicht schließen wollten. Ly BibelstellePsalmen 19,1 Der Himmel, der über uns ist, erzählet uns die Ehre Gottes, und die Veste verkündiget seiner Hände Werk, Ps. 19, 1. Die Erde, auf der wir wandeln, ist voll der Güte des Herrn, Ly BibelstellePsalmen 119,64 Ps. 119, 64.[2] Ly BibelstelleIjob 12,7 Frage doch das Vieh, wer Gott, und wie groß er sey, das wird dichs lehren, und die Vögel unter dem Himmel, die werden dirs sagen, Hiob 12, 7. Aber dazu gehören sehende Augen, hörende Ohren, ich will sagen, Nachdenken [S. 7] und Betrachtung. Ohne diese würde David nicht mit solcher, wahrhaftig göttlichen Beredsamkeit von Gott und seiner Größe gesprochen haben. Es ist etwas sehr schätzbares um diese Erkenntniß Gottes aus der Natur. Man achte sie ja nicht gering, da die Schrift uns selbst darauf weiset. Wer sie verachtet, sorge ich, werde auch zu der Erkenntniß Gottes aus der Schrift blind seyn. Doch, was auch der scharfsinnigste Naturkündiger für richtige Beobachtungen anstellt; was für gründliche Schlüsse er aus diesen auf Gott und seine Eigenschaften macht; so ist das noch etwas weniges gegen dem, was wir aus der Schrift von Gott und seinen Eigenschaften lernen. Ly Bibelstelle1 Korinther 2,11 Niemand weiß, was in Gott ist, ohne der Geist Gottes, 1. Cor. 2, 11. Und dieser redet in der Schrift mit uns. Hier ist uns also eine noch viel reichere und zuverläßigere Quelle der Erkenntniß Gottes geöfnet: Eine Quelle, die David auch benutzt hat, sonst würde er in unserm Text nicht von Gnade und Wahrheit haben reden können. Das sind gerade solche Vollkommenheiten Gottes, die aber nicht in der Natur vor unsern Augen liegen, sondern von denen wir anders woher belehrt werden müßen. Da finden wir die große und für uns ewig wichtige Wahrheiten von dem Wesen Gottes, von der Hochgelobten Dreyeinigkeit, von dem Sohn Gottes, und seiner Erlösung, als der höchsten Probe der Weisheit, Heiligkeit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Treue und Wahrheit Gottes: Nachrichten von der innern Zurechtbringung der Menschen durch den Geist Gottes; von der Erneurung der Menschen nach dem Bild Gottes; von der Bestimmung der Menschen zu einer Seeligkeit, die kein Aug gesehen, und kein Ohr gehöret hat, und in keines Menschen Herz je gekommen wäre, wenn sie Gott nicht durch seinen Geist geoffenbahret hätte: Kurz Nachrichten, die von der äußersten Wichtigkeit für uns sind, und die uns erst recht in Gott, wenn ich so reden darf, hinein sehen lassen. Ohne Gnade würde uns Gott immer groß, aber fürchter= [S. 8] lich seyn, ein verzehrendes Feuer. Aber seine Gnade macht uns alle seine übrige Eigenschaften erfreulich. Welche Wonne, den ewigen, unveränderlichen, allmächtigen, allwissenden, heiligen und gerechten Gott als Vater anbeten, und in Christo, seinem Sohn zu ihm nahen dürfen! Das ist ja wirklich Ly BibelstelleJohannes 17,3 das ewige Leben, wie der Erlöser sagt, daß sie den Vater, und den er gesandt hat, Jesum Christum erkennen, Joh, 17, 3. Und das ist der Kern und das Mark der Schrift. Sie weißt uns im alten und neuen Bunde auf Christum, als auf den, in dem sich Gott den Menschen geoffenbaret hat, in dem er erkannt und verehrt seyn will. Wer diese unter Anrufung des Geists der Weisheit und der Offenbarung ließt und betrachtet, dem öfnet sich noch eine Quelle der Erkenntniß Gottes, die Erfahrung des Herzens, daß ich Gott in der Buße als den Gott, der Sünde vergiebt, im Glauben als den Vater, der alle meine Gebrechen heilet, im großen Lauf meines Christenthums als den, der mir allerley göttliche Kraft, was zum Leben und göttlichen Wandel dienet, mittheilet; im Leiden, als den Ly Bibelstelle2 Korinther 1,3 Vater der Barmherzigkeit, und den Gott des Trostes (2 Cor. 1, 3.) und im Sterben, als den Gott, der mich Ly Bibelstelle1 Petrus 1,3–4 wiedergebohren hat zu einer lebendigen Hoffnung, durch die Auferstehung Jesu Christi von den Todten, zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das mir aufbehalten ist im Himmel, innen werde. (1 Petr. 1, 3. 4.) Wer diesen nur kurz angezeigten Weg der Erkenntniß Gottes geht, und den gieng David allerdings nach dem Maß des Geistes im alten Bunde auch, bey dem muß es ohne Anstand zum fröhlichen Lob Gottes kommen, darzu, daß er aus innigster Ueberzeugung von der alles übertreffenden Größe und Herrlichkeit Gottes auch seinen Mund zur Lobeserhebung dieses anbetungswürdigen Gottes, zu erbaulichen Gesprächen mit andern von Gott und seinen Wohlthaten, zum Gebet, zur Absingung geistlicher lieblicher Lieder, Psalmen und Lobgesänge,[3] wie das Lb PersonPaulus von Tarsus (10 v. Chr. – 60 n.Chr.) Paulus [S. 9] als reine recht neutestamentische Uebung anpreißt, auch mit Begleitung musicalischer Instrumente, derer ja David ausdrücklich in unserm Text gedenkt, öfnet, und ihn von dem übergehen läßt, wovon sein von Gott, und der W W KorrekturOriginal: ErkenntinßErkenntniß und dem Gefühl seiner Herrlichkeit und Gnade durchdrungenes Herz voll ist. Und dazu ist jede Zeit bequem. David sagt: Ly BibelstellePsalmen 92,3 Ich will des Morgens deine Gnade, o Gott, und des Nachts deine Wahrheit verkündigen; Ich kann, will er sagen, zu deinem Lob nie stille schweigen. Strömen uns unaufhörlich Wohlthaten Gottes entgegen, so darf auch ihm ja unser Lobgesang unaufhörlich entgegenkommen. Den Tag des Herrn sollte man vorzüglich dazu anwenden. Der Psalm, aus dem unser Text genommen ist, hat die Innschrift: Ly BibelstellePsalmen 100,1 Ein Psalmlied auf den Sabbattag. Wozu könnte auch dieser Tag, der zur Ruhe bestimmt ist, besser angewendet werden? Kein Ort ist ausgenommen. Gott darf und kann überall angebetet, und also auch gelobet werden, wenn es nur im Geist und in der Wahrheit geschiehet. Zu Haus und in der Kirche. Wenn man nur diese Gotteshäuser so besuchte, wie man sollte, wenn man seinen Fuß bewahrte, wenn man hineingeht, und die so häufige Ermunterungen zum Lob Gottes, die man darinn antrift, an sich kommen ließe. Es gibt aber auch ein thätiges Lob Gottes, ohne welches das innerliche und mündliche wenig Werth hat: Daß ich meinen großen und guten Gott durch eine kindliche Furcht, durch unverfälschte Liebe, durch unwandelbares Vertrauen, durch einen frölichen Gehorsam, durch Aufopferung meiner Leibs= und Seelenkräften zu seinem Dienst ehre, besonders auch andern durch mein Beyspiel zum guten Geruch werde. Auch hierinn kann David zum Muster dienen. Seine so viele Lobgesänge und Psalmen sind die Lobgesänge eines Mannes, der nach dem Herzen Gottes war. Ahmen wir ihm darinn nach, so därfen wir versichert seyn, daß sich der Herr unsere Loblieder werde wohlgefallen lassen. Zu diesem thätigen Lob Gottes gehört endlich auch das, daß ich, wenn mich Gott mit zeitlichen Gütern seegnet, einen Theil meines Vermögens, dessen gewissen= [S. 10] hafte Anwendung überhaupt eine wichtige, wiewohl sehr unbekannte, Pflicht ist, zu Stiftungen der Ehre Gottes, zum Besten der Kirchen und Schulen, und derer die darinn arbeiten, zur Erquickung der Armen, zur Errichtung solcher Anstalten in den Gotteshäusern, wodurch der äusserliche Gottesdienst Zierde und Erleichterung erhält, verwende. Wenn eine gewiße Parthie in der Christenheit hierinn zu weit geht, und Augen und Ohren in der Kirchen so füllt, daß für Geist und Herz wenig genug übrig bleibt:[4] Wenn eine andere zu streng ist, und alle äusserliche, auch unschuldige Schönheiten, Gemälde, Orgeln, und dergleichen aus den Kirchen verbannt,[5] so geht unsere Evangelischlutherische Kirche die Mittelstraße. Durfte David Psalter und Harfe, und andere musikalische Instrumente zum Gottesdienst brauchen, warum sollten Orgeln unrecht seyn, die bey dem Gesang so wichtige Dienste thun?

Man nehme nun das bisher ganz kurz gesagte zusammen, um einzusehen, daß das Lob Gottes wahrhaftig die edelste Beschäftigung unsterblicher Seelen sey. Man kann sich doch gewiß mit nichts edlern beschäftigen, als mit Gott, dem vollkommensten, anbetungswürdigsten Wesen, mit der Betrachtung seiner Werke, Worte und Wege, und die Folge davon wird allemal Lob und Dank gegen ihn seyn. Wir sind zu einer seeligen Ewigkeit bestimmt, wo das Hauptgeschäft das Lob Gottes und des Lammes seyn wird. Kann man etwas edleres auf der Erde thun, als was man dereinst in den Wohnungen der Seeligen thun wird? In dem Lob Gottes liegt allein die Quelle wahrer Freude, freylich keiner solchen, wovon Lb PersonSalomo Salomo Prov. 2, 2. sagt: Ly BibelstelleKohelet 2,2 Ich sprach zum Lachen, du bist toll, und zur Freude, was machest du; sondern vielmehr der Freude, die den unsterblichen Geist wahrhaftig sättiget. Durch das Lob Gottes tritt man schon hienieden in die Gemeinschaft der Engel und der Seeli= [S. 11] gen im Himmel, man kommt dadurch Ly BibelstelleHebräer 12,22–23 zu dem Le Geographicumg Gebäude: Zion Berge Zion, und zu der Stadt des Lebendigen Gottes, zu dem himmlischen Le Geographicumf Ort: Jerusalem Jerusalem, und zu der Menge vieler tausend Engel, und zu der Gemeine der Erstgebohrnen, die im Himmel angeschrieben sind, und zu den Geistern der vollkommenen Gerechten Ebr. 12, 22. 23. Wie viel unnützer Zeitvertreib würde wegfallen, wenn man hierinn nicht so faul und unfruchtbar wäre. Wohlan wir wollen uns durch den lieben David zu diesem seeligen und der Würde unsers unsterblichen Geistes wahrhaftig angemeßenen Geschäft ermuntern lassen. Wir sind alle Geschöpfe des grossen Gottes, Erlösete Jesu, unsers Mittlers, Erkaufte zum Himmel, unsterbliche Seelen, Menschen, die von den Wohlthaten Gottes ganz umflossen sind. Keine Stunde müße seyn, worinn wir nicht hieran gedenken, kein Augenblick, worinu wir nicht zum Lob Gottes munter und frölich seyn sollen.

Theureste Zuhörer! Ly BibelstellePsalmen 115,1 Nicht uns, Herr, nicht uns, sondern deinem Namen, gib Ehre, um deine Gnade und Wahrheit, Ps. 115, 1. Das ist eine richtige Folge aus dem bisher gesagten. Es gehört zur Dankbarkeit gegen Gott, zum Lob Gottes, sich alles Ruhms unwürdig zu bekennen , und Gott allein alle Ehre zu geben.

Ich glaube ganz aus dem Herzen des großmüthigen Lb PersonGaum, Johann Friedrich (1722–1814) Stifters des schönen Ld OrgelUlm, Barfüßerkirche, Schmahl-Orgel 1780 Orgelwerks, womit dieses Gotteshaus nunmehr ausgeschmückt ist, zu reden, wenn ich mich in seinem Namen gegen dieser werthesten Gemeinde mit David so erkläre: Nicht mir o Herr, nicht mir, sondern deinem Namen soll Ehre seyn! Und ich bediene mich dieses Worts um so eher, je weniger es mir, als einem so nahen Anverwandten des Stifters geziemen würde, in Lobeserhebungen auszuschweifen, die vorhin, wenn sie Menschen angehen, in der Kirche und auf der Kanzel niemal am rechten Orte sind: Ich auch den Beruf [S. 12] und die Vergünstigung, als ein Fremder diesen Predigtstuhl zu betretten, allein in diesem Gesichtspunkt ansehe, daß ich mit Vorbeygehung alles dessen, was auch nur von weitem den Schein eitler Ehre haben möchte, meine theureste Zuhörer zum frölichen Lob Gottes und zum gemeinschaftlichen Dank ermuntern soll.

Bey meinem Hochgeschätztesten Herrn Lb PersonGaum, Johann Friedrich (1722–1814) Oheim gieng in seiner Maaße in die Erfüllung, was der Herr dort zu Abraham sagte: Ly BibelstelleGenesis 12,1 Gehe aus deinem Vaterland, und aus deiner Freundschaft, und aus deines Vaters Hause, in ein Land, das ich dir zeigen will, 1. B. Mos. 12, 1. Er verließ in noch sehr jungen Jahren sein Le Geographicumh Territorium: Kurpfalz Vaterland und seines Vaters Haus, und ließ sich von der väterlich über Ihm wachenden Vorsehung Gottes Le Geographicumh Territorium: Schwaben ein anderes Land zum Wohnplatz anweisen. Er fand endlich in dieser alten berühmten Le Geographicumf Ort: Ulm Reichsstadt, die der Herr überschwenglich seegnen wolle, einen Ort, wo sein Fuß ruhen konnte. Der Herr förderte das Werk seiner Hände und seegnete ihn. Gerührt von so großen Wohlthaten Gottes, und in der Erkenntniß, daß er viel zu gering sey aller Barmherzigkeit und Treue, die der Herr an ihm gethan hatte, entschloß er sich zu der Stiftung des Orgelwerks, was hier vor unsern Augen ist, und wordurch nun der Gottesdienst ein wahres Hülfsmittel zur Erleichterung und Verbesserung des Gesangs erhalten hat. Sein innigster Wunsch ist, daß man hierunter das Werk Gottes erkenne, sich zum Lob des Höchsten, zur andächtigen Besuchung der Gotteshäuser, und zu andern, weitern milden Beyträgen zum Besten der Kirchen und Schulen erwecken lasse. Gott, der nicht ungerecht ist, daß er irgend eines guten Werks, oder einer Arbeit der Liebe, die man beweiset in seinem Namen, vergessen sollte, seye ferner mit Ihm und mit Seinem Hause, daß es Ihm wohl gehe, und er dereinst auch von dieser Saat eine frohe und reiche Erndte in der Ewigkeit antreffen möge!

[S. 13]

Er, der Herr halte seine Augen offen in Gnade und Barmherzigkeit über den Hoch=Edlen und Hochweisen Magistrat dieser berühmten Kaiserl[ichen] freyen Reichsstadt! Er kröne Ihre rühmliche Bemühungen für das Beste des Staats und der Kirche mit dem erwünschtesten Erfolg: Neige Ihre Herzen auch in Zukunft zur ruhmwürdigsten Vorsorge und treuer Obhut über Kirchen und Schulen: Lasse Sie aber auch die erfreulichste Früchte Ihrer vortreflichen Anstalten in Ihrem Staat nach allen Theilen in reicher Maße sehen, und setze Sie in Ihren verehrungswürdigen Personen und Familien zum Seegen zeitlich und ewig.

Die drey ansehnliche Aemter, die dieses Orgelwerk durch einen reichlichen Beytrag so rühmlich befördert haben, belohne der, der der Schild und sehr großer Lohn aller derer ist, die seinen Nahmen ehren, mit überschwenglichem Seegen!

Die Gnade Gottes und seines Sohnes Jesu Christi, der Herr der Kirche, seye mit dem Hoch=Ehrwürdigen Ministerio dieser Stadt, daß durch Ihre Arbeit und Sorge für das Heil der Seele, die Jesus erkauft hat, sein Reich noch ferner gebauet, dem Unglauben und der Gottlosigkeit gewehret, ein Sieg nach dem andern über das Reich der Finsterniß erfochten, und an allen und jeden Mitgliedern desselben erfüllet werde: Die Lehrer werden leuchten, wie des Himmels Glanz, und die viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich.

Ist an Anstalten zur Erziehung der Jugend großes, ja alles gelegen, so darf ich ja wohl auch wünschen, daß Gott das hiesige berühmte Le Geographicumg Gebäude: Ulm, Königliches Gymnasium Gymnasium und die übrige Schulen in seine gnädige Vorsorge noch ferner einschließen, und den Lehrern an ihren Zöglingen schenken wolle Bäume der Gerechtigkeit und Pflanzen dem Herrn zum Preise!

Dem würdigen Lb PersonGaum, Johann Friedrich (1722–1814) Gelehrten, der die Aufsicht über die Errichtung dieses Orgelwerks gütig übernommen hat, und dessen Verdienste um das hiesige Gymna- [S. 14] sium, wie um die gelehrte Welt überhaupt, schon längst bekannt sind, und von Kennern wahrhaftig verehrt werden, vergelte der Herr seine Bemühungen mit wahrem Seegen, mit Fristung seiner verdienstvollen Tage bis in das höchste Alter, mit unverrücktem Wohlergehen an Ihm und Seinem theuresten Hause!

Er mache diese ganze Stadt noch ferner zum Augenmerk seines gnädigen Aufsehens, daß in derselben Ehre wohne, daß Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen, daß Ly BibelstellePsalmen 122,7 Friede sey immerdar in ihren Mauren und Glück in ihren Pallästen! Ja, es seegne uns alle Gott, unser Gott, es seegne uns Gott, und alle Welt fürchte ihn. Amen. Ly BibelstellePsalmen 150,6 Alles, was Odem hat, lobe den Herrn, Halleluja.

[[S. 15]]

Anhang.[6]

Die in der Le Geographicumg Gebäude: Ulm, Barfüßerkirche Barfüsserkirche befindliche, von Tit[ulario] Herrn Lb PersonGaum, Johann Friedrich (1722–1814) Senator Gaum gestiftete, von dem hießigen Orgelmacher Lb PersonSchmahl, Johann Matthäus (1734–1793) Schmahl in den Jahren 1778, 1779, 1780 verfertigte, und den 28ten Jenner 1781 zum erstenmal bey dem öffentlichen Gottesdienst gebrauchte Orgel hat 2 Clavier, davon

das Hauptwerk

11 Stimmen hat;

1 Principal von Zinn im Gesicht8 Fuß
2 Octav4 ––
3 Quint3 ––[7]
4 Super Octav2 ––
5 Viol di Gamba 8 ––
6 Spitzflöt4 ––
7 Trompett8 ––
8 Principal von Holz8 ––
9 Gedeckt von Holz8 ––
10 Mixtur von Zinn5 fach[8]
11 Cimbal von Zinn3 fach[9]
Das Oberwerk

hat 6 Stimmen.

[[S. 16]]

1 Principal von Zinn im Gesicht4 Fuß
2 Sesquialter3 fach[10]
3 Stillgedeckt von Holz8 Fuß
4 Waldflöt von Holz2 ––
5 Flaute traverse die 2 obere Octav8 Fuß[11]
6 Vox humana die 2 obere Octav8 Fuß[12]
Pedal hat 2 Stimmen.
1 Sub Bass von Holz, offen16 Fuß
2 Octav Bass von Holz, offen8 ––
Nebenzüge.
Tremulant im Hauptwerk.
Tremulant im Oberwerk.
Copplung des Manuals ins Pedal.

Einzelanmerkungen

  1. Die Stelle wurde grammatisch angepasst und in die 1. Person Singular übertragen.
  2. Paraphrase der angegebenen Bibelstelle: Ly BibelstellePsalmen 119,64 Herr/ die Erde ist vol deiner Güte/ Lere mich deine Rechte..
  3. Anspielung auf Ly BibelstelleEpheser 5,19 Eph 5,19.
  4. Anspielung auf die katholische Kirche.
  5. Gaums Ulmer Vorgänger im Bereich der Orgelpredigt, Lc PredigtautorDieterich, Conrad (1575–1639) Conrad Dieterich, hatte noch in ganz anderer Weise gegen Orgelfeinde angepredigt, vgl. die Einführung in seine Predigt: Vlmische Orgel Predigt (Ulm 1624), sowie den Artikel über den Lm Ereignis1531: Orgelsturm im Ulmer Münster Orgelsturm im Ulmer Münster.
  6. Die hier veröffentlichte Disposition ist von der Orgelforschung offenbar bisher nicht berücksichtigt worden. Gotthilf Kleemann stützte sich auf Informationen, in denen die Fußangaben fehlten. Er hat sie daher rekonstruieren lassen, vgl. Kleemann, Die Orgelbaufamilie Schmahl (1973), S. 103. In den folgenden Anmerkungen wird auf Abweichungen zu der von ihm präsentierten Disposition hingewiesen.
  7. Vgl. Kleemann, Die Orgelbaufamilie Schmahl (1973), S. 103: 2⅓'.
  8. Vgl. Kleemann, Die Orgelbaufamilie Schmahl (1973), S. 103: fünffach fehlt.
  9. Vgl. Kleemann, Die Orgelbaufamilie Schmahl (1973), S. 103: dreifach fehlt.
  10. Vgl. Kleemann, Die Orgelbaufamilie Schmahl (1973), S. 103: dreifach fehlt.
  11. Vgl. Kleemann, Die Orgelbaufamilie Schmahl (1973), S. 103: 4'.
  12. Vgl. Kleemann, Die Orgelbaufamilie Schmahl (1973), S. 103: Fußangabe fehlt.

Letzte Änderung dieses Dokuments am 12. September 2022.

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